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Heinkel-Kabine: eine Tür, drei Räder und Platz für vier

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kabinezwei Erwachsene und zwei (kleine) Kinder. Über das vergnügliche Reisen in einem Roller-Mobil der 50er Jahre.
Es könnte die Millionenfrage bei Günther Jauch sein: Gab es in den 1950er Jahren schon bei Mercedes, Porsche oder anderen deutschen Autos eine Zentralverriegelung? Mal ehrlich, wer hätte die richtige Antwort gewusst? Bei Mercedes und Porsche gab es sie nicht, aber viele deutsche Kleinwagen, so auch die Heinkel-Kabine und deren Nachfolger, die Heinkel-Trojan-Kabine, hatten im Nachkriegsdeutschland schon serienmäßig eine Zentralverriegelung. Denn sie hatte nur eine Tür, und die ging auch noch nach vorn auf.
Wie von Geisterhand - in Wirklichkeit ist es ein Dämpfer - öffnet sich die große Kabinentür und gibt den Innenraum frei. Klar und übersichtlich präsentiert sich das Interieur, das werksseitig für zwei Erwachsene und zwei Kinder vorgesehen ist. Die Lenksäule knickt allerdings nicht wie bei der BMW Isetta mit nach außen - BMW besaß darauf ein Patent und gab es an Heinkel nicht weiter. Mit etwas Geschick sind jedoch die Vordersitze rasch besetzt, und auch die beiden hinteren Plätze erreichen gelenkige Kinder schnell: Die Rückenlehnen der Vordersitze weisen klappbare Lehnen auf.

Aber machen wir es uns erst einmal auf der verstellbaren Vordersitzbank gemütlich. Jaguar E- und Mercedes 300 SL-Fahrer erblassen vor Neid, wenn sie die Beinfreiheit hier in der Heinkel-Kabine erblicken, selbst bei einem 1,85- Meter-Mann. Klein, aber übersichtlich sehen wir vor uns das Instrumentenbrett mit Tachometer, Uhr und immerhin drei Kontrollleuchten. Je eine ist für Blinker, Ladekontrolle und Fernlicht, dazu kommt der Schalter für die Tachometerinnenbeleuchtung. Links und rechts winken zwei kleine, zierliche Hebel für Licht und Blinker. Eine der wenigen Einschränkungen in der umfangreichen Ausstattung der Heinkel-Kabine: Es fehlt tatsächlich eine Lichthupe, aber wem sollte man sie auch geben? Kabinen-Piloten fahren nicht so häufig auf der linken Spur der Autobahn und versuchen, einen Porsche wegzublinken. Doch kommen wir zu den weiteren Höhepunkten des Innenraums: rechter Hand findet sich ein großes offenes Handschuhfach, links vom Instrumentenbrett der Parkleuchtenschalter. Ist die große Fronttür geschlossen, sieht man den kleinen Scheibenwischermotor, der nur zwei Befehle kennt: an und aus. Bei leichtem Nieselregen leistet der einarmige Wischer hervorragende Arbeit und hält die Frontscheibe aus Sekurit-Glas durchsichtig. Bei Starkregen wird es hingegen etwas schwieriger. Aber auch dann bemüht er sich und holt alles aus sich heraus - wer könnte ihm dann schon böse sein.


Bewährter 10 PS-Motor aus dem Tourist
Über die Kabine kann man jedoch nicht nur staunen. Sie lässt sich auch fahren. Zündschlüssel ins Schloss, Benzinhahn öffnen, den 22er-Bing-Vergaser fluten, zweimal das Rollengaspedal (wie beim VW Käfer) durchtreten und behutsam den Zündschlüssel nicht drehen, sondern wie in einem richtigem Flugzeug nach unten drücken.
Dank der 12-Volt-Bordanlage (Volkswagen, Mercedes, Porsche und andere arbeiteten in den 50er Jahren noch mit 6-Volt-Anlagen) startet der Motor mit Hilfe der Dynastart-Lichtmaschine, und wir hören nicht nur den Viertaktmotor, sondern wir spüren ihn auch - unterstützt vom Dröhnen, das den gesamten Raum erfüllt. Die Kabine macht kein Geheimnis draus, wenn ihr Motor läuft. Denn in ihr schwingt praktisch alles mit und zeigt so den Insassen, dass dieses Auto lebt.
Der ursprüngliche Motor mit 10 PS stammt aus dem legendären Heinkel-Tourist, der über 150.000 Mal gebaut wurde. Neben dem Einbau eines Rückwärtsgangs wurde der Motor bei späteren Modellen auf 198 beziehungsweise 204 Kubikzentimeter Hubraum aufgebohrt.
Kupplung getreten und mit der linken Hand den scheinbar aus der Flugzeugproduktion übrig gebliebenen Schalthebel langsam eine Raste weiter nach vorn schieben. Der erste von vier Gängen ist eingelegt. Welch Erlebnis, an Wiesen und Wäldern vorbei über die Landstraßen zu fahren. Überall begegnen uns lächelnde Menschen und winkende Kinder.
Und immer wieder - selbst bei der kleinsten Steigung - Schalten und Gas geben, denn der Motor ist drehfreudig und verlangt nach hohen Touren. Richtiges Autofahren und jede noch so kleine Steigung erleben - nicht wie bei großvolumigen, leistungsstarken Limousinen, bei denen die Landschaftsformationen nicht mehr zu spüren sind und so das Fahrgefühl verloren geht.

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